24. Juni – Verloren im Spukschloss
Was haben wir uns als Kinder gegruselt! Kein Jahrmarktsbesuch verging ohne einen Gang ins Spiegelkabinett oder eine Fahrt mit der schaurigen Geisterbahn. Schon der Gedanke, aus einem Spiegelkabinett vielleicht nie wieder herauszufinden, jagte uns einen Schauer über den Rücken. Was geschah bloß mit den Menschen, die wir von außen beobachten konnten? Sie irrten umher, tasteten vorsichtig nach der nächsten Öffnung, drehten sich im Kreis und wirkten, als hätten sie jede Orientierung verloren.
Unvergessen ist auch die Fahrt durch die Geisterbahn. Niemals sollte man im ersten Wagen sitzen – denn eines war so sicher wie das Amen in der Kirche: Am Ende wartete noch einmal der große Schreckmoment. Plötzlich trat unter fürchterlichem Getöse eine scheinbar untote Gestalt aus dem Nichts hervor, beugte sich bedrohlich nach vorn und berührte mit ihren kalten Händen unsere Gesichter. Unfassbar gruselig!
Mal sehen, ob wir in diesem Jahr schon wieder mutig genug sind, uns auf dem Schützenfest ins Spukschloss zu wagen. Zu lebendig sind noch die Erinnerungen an diese Augenblicke des Nervenkitzels, in denen Angst und Vergnügen so dicht beieinanderlagen.
23. Juni – Vertrautheit
"Wie immer?"
Ja, sehr gerne. Wenige Augenblicke später stand das Wendlandbräu vor mir, ein herrlich süffiges Bier aus der Region. Kurz darauf kamen Fish and Chips. Habe ich im Janemanns eigentlich jemals etwas anderes gegessen? Ja, Currywurst mit Pommes vielleicht. Aber die gibt es leider schon seit einigen Wochen nicht mehr.
Der Rest des Abends war dann genau das, was man manchmal braucht: ein paar Geschichten, ein vertrauter Ton, das leise Gefühl, angekommen zu sein. Und am Ende die Gewissheit, einen Ort gefunden zu haben, an dem man sich fast so wohlfühlt wie zu Hause.
22. Juni – So schön
Der Sommer ist da. Warm, lau, voller flirrendem Licht. Die Felder stehen hoch im Getreide, aus den Gärten klingt Kindergeschrei vom Planschbecken herüber. Es sind diese herrlichen Tage, die kaum enden wollen und in denen nach wenigen Stunden Dunkelheit schon wieder der Morgen wartet.
Ein Kaffee um sechs Uhr, barfuß vielleicht, noch im Halbschlaf, und danach nur kurz noch einmal zurück ins Bett. Draußen reifen die Erdbeeren jetzt schnell, die Himbeeren und Johannisbeeren stehen in den Startlöchern, und auch die Tomatenpflanzen entwickeln sich prächtig.
Alles wächst, alles drängt ins Licht. Und für einen Moment scheint es möglich, die Zeit nicht nur zu genießen, sondern sie anzuhalten.
21. Juni – Warum in die Ferne schweifen …
… wenn man sich doch auch zuhause treffen kann?
"Wir sollten uns mal wieder sehen.", "Lass uns ganz bald treffen.", "Wie sieht denn dein Terminkalender aus?", "Aber beim nächsten Mal lassen wir nicht wieder drei Jahre vergehen …" Diese und ähnliche Sätze benutzen oder hören wir häufig, wenn es um Treffen mit Freunden geht. Trotz aller Möglichkeiten, einen Termin zu vereinbaren, scheint es heute manchmal umso schwieriger zu sein, einen gemeinsamen zu finden. Wenn es dann endlich einmal zu einem Treffen gekommen ist, ist es immer sehr schön – und schnell fällt einer dieser Sätze wieder.
Und dann gibt es diese unverhofften Nachrichten: "Schöne Grüße aus der Jammerbucht", hieß es in diesem Fall. Ich war gerade einen Tag zuvor dort angekommen, als mich diese Nachricht erreichte. So kam es zu einem unerwarteten Treffen mit Karin, einer lieben Freundin und Nachbarin, mit der ich einen oder mehrere der anfangs genannten Sätze bestimmt schon häufiger ausgesprochen hatte. Auch unser letztes Treffen lag bereits mehrere Monate zurück.
Kendo und Greta staunten ebenfalls nicht schlecht, als sie Urlaubsbegleitung Lotti begegneten. Waren sie in der Vergangenheit doch schon in den Genuss stundenlanger Strandspaziergänge und Kuscheleinheiten mit Karin in Dänemark gekommen.
Manchmal muss man eben doch in die Ferne schweifen, um ein paar schöne gemeinsame Stunden zu verbringen.
20. Juni – Selbstversorgung
Wer träumt nicht davon, sich mit Lebensmitteln nach eigenem Geschmack selbst zu versorgen? Online wie offline gibt es unzählige Ratgeber, die vom heiteren Leben mit dem eigenen Gemüsebeet erzählen. In aufwendig produzierten Videos wird von der Frische selbst angebauter Lebensmittel geschwärmt und – oh Wunder – es werden natürlich nur die schönsten Exemplare präsentiert. Da kann man schon neidisch werden. Oder aber es spornt einen an, den Anbau selbst einmal auszuprobieren – ganz nach dem Motto: "Das bisschen Gartenarbeit …"
Die Realität sieht allerdings etwas anders aus. Verreisen während der Wachstums- oder Erntezeit? Fehlanzeige. Es muss gewässert, Unkraut gezupft und die eine oder andere Schnecke liebevoll umgeleitet werden – und, und, und …
Auch wenn auf diesem Foto die selbst geernteten Erdbeeren in ihrer schönsten Form und Farbe zu sehen sind: Die verfaulten oder bereits angefressenen Exemplare haben wir selbstverständlich nicht fotografiert, sondern direkt dem Kompost zugeführt.
Natürlich träumen wir insgeheim schon von unserem eigenen Erdbeerimperium. Doch jetzt genießen wir erst einmal die kleine Ausbeute – am besten mit etwas Joghurt.
19. Juni – Verdammt lang her
Die meisten Menschen denken dabei wohl zuerst an die Band BAP. Wir denken an Bornholm.
Gefühlt liegt unser letzter Aufenthalt auf der Ostseeinsel schon zwei Jahre zurück, und langsam werden wir ungeduldig, bis es endlich wieder so weit ist. Der Blick aufs Meer, das Eis in der Hand, die Brandung im Ohr, die herrliche Langeweile und dieses seltene Gefühl, nichts tun zu müssen – all das fehlt uns sehr – und das, obwohl Mareike aktuell gerade in Dänemark ist.
Heute kamen per Post ein paar Fotos aus dem Labor an, aufgenommen auf Film während unseres letzten Aufenthalts. Und was läge da näher, als für einen Moment innezuhalten, die Bilder anzusehen und ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen?
18. Juni – Die Kunst der Reduktion
Was bleibt im Gedächtnis: das eine Bild – oder die Vielzahl? Neben der Aufnahme der zwei Hände, die sich berühren, sind weitere Fotografien entstanden. Auch sie erzählen von Nähe und Vertrautheit, von einer stillen, beinahe selbstverständlichen Verbundenheit. Nicht nur zwischen Alfred und Monika, sondern auch zwischen Alfred und jenem Huhn, das ihm fast auf Schritt und Tritt folgt, als gehöre es längst zu seinem kleinen Kosmos.
Jedes dieser Bilder besitzt seinen eigenen Reiz, seine eigene Erzählung, seinen eigenen Ton. Und doch beginnt genau hier die eigentliche Frage: Bedeutet mehr Sichtbarkeit auch mehr Erkenntnis? Führt ein Zuwachs an Bildern und Informationen tatsächlich zu größerer Freude beim Betrachten – oder schwächt er mitunter jene Intensität, die gerade aus der Beschränkung entsteht?
Reduktion verlangt Entscheidung. Sie fordert, etwas wegzulassen, obwohl es erzählenswert wäre. Vielleicht fällt sie uns deshalb so schwer: weil jedes Auslassen wie ein kleiner Verlust erscheint. Dabei kann gerade im Verzicht eine Form von Großzügigkeit liegen. Wer reduziert, nimmt nicht zwangsläufig etwas weg; er schafft Raum. Raum für Konzentration, für Nachhall, für das, was im Betrachter weiterarbeitet, nachdem das Bild längst aus dem Blick verschwunden ist.
17. Juni – Wo bin ich?
Diese Frage ist sicherlich leichter zu beantworten als "Wer bin ich?". Und dennoch fällt es manchmal schwer, sich genau daran zu erinnern, wo man in den vergangenen Wochen gewesen ist. Dann hilft ein Blick auf ein Foto als Anhaltspunkt.
Auch wenn darauf kaum mehr zu erkennen ist als Himmel, ein Vogel und eine Palme, wissen wir doch sofort: Das muss im Süden sein, am Meer. Wo sonst gibt es Möwen? Dieses Bild weckt in uns Erinnerungen an Wärme, Sommer, Meeresrauschen und Fernweh. Vielleicht auch an Kindheitserinnerungen – etwa an den ersten Urlaub außerhalb Deutschlands in den 1970er-Jahren.
Für Christian ging es damals nach Ibiza. Die Aufregung vor dem Flug war groß; dann kamen die fremde Sprache, das ungewohnte Klima, das grelle Sonnenlicht. Zurück kam er mit einem Sombrero, den er sich dort von meinem Taschengeld gekauft hatte. Getragen hat er ihn allerdings nie wieder – warum auch?
Beim Anblick der Palme mit Möwe spricht das Bild zu uns: "Komm, entdecke die Schönheit der Erde."
16. Juni – Liebe
Vier Stunden hatten wir bereits miteinander gesprochen. Über Kunst und Kultur, über die Kulturelle Landpartie im Wendland, über Reiseziele und Reisethemen. Zwischendurch waren wir durch den Garten geschlendert, umringt von Hühnern und Enten. Wir hatten versucht, die Welt aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten – ernsthaft, nachdenklich und manchmal auch heiter.
Am Ende zeigten Alfred und Monika mir noch einen ihrer vielen Lieblingsplätze: zwei Liegen, überdacht, mitten in der Kunst. Die beiden nahmen Platz – und dann geschah etwas Wundervolles. Ganz selbstverständlich fassten sie sich an den Händen.
In diesem Augenblick wusste ich: Dieses Bild erzählt so viel über ihre Liebe, dass es keine weiteren Worte braucht. Nur diese stille Geste.
Was für ein Geschenk des Augenblicks. Berührt und beglückt fuhr ich nach Hause.
15. Juni – Naturspektakel
Wenn die Nacht hereinbricht, machen es sich die meisten Menschen im Warmen gemütlich: Sie schauen vielleicht noch etwas fern, trinken ein Glas Wein oder eine Tasse Tee und stimmen sich langsam auf die Nachtruhe ein. Wer allerdings einen Hund hat, muss – ob er will oder nicht – noch einmal zu einem letzten Gassigang hinaus.
Das ist nicht immer verlockend. Doch bei Abendstimmungen wie auf diesem Foto sind wir am Ende dankbar, noch einmal den Fuß vor die Tür gesetzt zu haben. Denn kaum etwas kann den unmittelbaren Blick in die Natur ersetzen: kein Bildband, keine Naturdokumentation im Fernsehen – und schon gar nicht der Blick aufs Handy (das in diesem Fall allerdings mangels Alternativen für das Foto genutzt werden musste).
14. Juni – Déjà-vu
Zweiundzwanzig Männer jagen einem Ball hinterher, Christian sitzt vor der Glotze, und ich frage mich immer wieder, was daran eigentlich so faszinierend sein soll. Dabei kommen Erinnerungen an die Weltmeisterschaft 2014 hoch. Wir waren in St. Peter-Ording, und Christian war nicht in der Lage, die entscheidenden Vorrundenspiele zu sehen. Entweder war er im Auto unterwegs oder fuhr mit dem Fahrrad so lange auf dem Deich hin und her, bis das Spiel zu Ende war.
Das Endspiel wurde dann aber doch gemeinsam geschaut. Wir saßen in einem Restaurant, das wir "Schnitzelkönig" getauft hatten, und fieberten gebannt mit. Christian war kaum ansprechbar, trank zu viel Bier, rauchte Zigaretten aus irgendwelchen Schachteln, die auf dem Tisch lagen, und lag am Ende wildfremden Menschen in den Armen. Glückselig, reichlich betrunken und am nächsten Morgen entsprechend unansprechbar.
Mir selbst bleibt diese Nervosität bei Fußball-Länderspielen nur schwer verständlich. Ich kann mich für diese Spiele zwar auch begeistern, aber eigentlich ist mir Fußball viel zu langsam, vom ewigen Sich-zu-Boden-Werfen wie ein "sterbender Schwan" ganz zu schweigen.
Ganz anders geht es mir beim Handball, und umso mehr freue ich mich schon auf das nächste Jahr: Dann findet nämlich die Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland statt. Leider werde ich diese WM auch nur vor dem Fernseher verfolgen können, denn Karten sind nur schwer zu bekommen und, wenn überhaupt, sehr teuer.
Aber nun geht es ja erst einmal um den Fußball, und ich wünsche der deutschen Nationalmannschaft den fünften Stern.
13. Juni – Zur Ruhe kommen
Nach etlichen Tagen unterwegs, vielen neuen Eindrücken und schönen Begegnungen kehrt nun für ein paar Tage Ruhe ein.
Zeit zum Verarbeiten. Zum Durchatmen. Zum Träumen. Zum Energie tanken.
Manchmal braucht es genau das: einen Moment des Stillstands, um innerlich wieder Ordnung zu schaffen. Den Garten genießen, die Natur spüren, den Gedanken Raum geben.
Nicht weiter müssen. Einfach da sein.
Und aus dieser Ruhe heraus mit Lust, Freude und Zuversicht nach vorne blicken.

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12. Juni – Berufung: Wenn die Geige den Beat findet
Auf der Hochzeit von Christians Sohn Torben in Marokko haben wir einen Künstler kennengelernt, der uns nachhaltig beeindruckt hat: Vitali Pevzner, einen DJ, der nicht nur Musik auflegt, sondern live mit seiner elektrischen Geige zu seinem Set spielt.
Und das auf einem Niveau, das sofort spürbar macht: Hier steht jemand, der sein Handwerk wirklich beherrscht.
Er hat eine klassische Geigenausbildung, galt bereits als neuer Shootingstar der Klassik und hätte vermutlich genau diesen Weg weitergehen können. Doch er hat sich anders entschieden. Nicht gegen die Musik – sondern für seinen eigenen Klang.
Heute verbindet er elektronische Beats mit der Seele der Geige. Klassische Präzision trifft auf Freiheit, Rhythmus und pure Lebensfreude. Man merkt ihm an, dass er angekommen ist. Er wirkt glücklich. Echt. Ganz bei sich.
Vielleicht ist genau das Berufung: nicht nur das zu tun, was man besonders gut kann, sondern das, wobei man innerlich leuchtet.
An diesem Abend in Marokko hat er nicht einfach gespielt. Er hat Atmosphäre geschaffen, Menschen bewegt und einen besonderen Moment noch unvergesslicher gemacht.
Ein fantastischer Künstler – und ein wunderbares Beispiel dafür, wie schön es ist, der eigenen Berufung zu folgen.
11. Juni – Ein Hoch auf die Gastfreundschaft
Heute ist die neue Ausgabe der Lieblingsadressen Vier- und Marschlande erschienen – und natürlich wurde dieser Anlass gebührend gefeiert. Gastgeber war diesmal das Restaurant Achilleon II der Familie Koulaxidou, die mit wohltuender Unkompliziertheit und großer Herzlichkeit begeisterte. Es wurde genetzwerkt, was das Zeug hielt und am Ende des Abends gingen alle satt und zufrieden nach Hause. Ein großartiges Netzwerk mit starken Partner, das uns auch nach so vielen Jahren immer noch Freude bereitet.
10. Juni – Wieder zu Hause
Wir sind wieder zu Hause angekommen. In Deutschland. Im einig Kartoffelland.
Was könnte die Deutschen, ihre Bodenständigkeit und bisweilen auch ihre Humorlosigkeit besser beschreiben als die Kartoffel? Wobei: Für Christian zählt sie ohnehin zu den größten kulinarischen Errungenschaften. Ob mit Quark, Butter und Salz, als Bratkartoffel – mit oder ohne Speck –, als Kartoffelsalat oder Kartoffelpuffer, selbstverständlich mit Apfelmus: Am Ende heißt es stets nur: herrlich!
Vielleicht ist also alles eine Frage der Gewöhnung. Und schon in wenigen Tagen, ach was: in wenigen Stunden, kräht kein Hahn – und erst recht kein Christian – mehr nach etwas anderem als der guten alten Normalität. Die ist schließlich herrlich bequem.
09. Juni – Abschied
Über eine Woche lang diesen Ausblick genießen zu dürfen, ist ein Geschenk. Erst heute wird uns bewusst, dass wir keinen Fernseher im Zimmer hatten. Dabei könnte kaum etwas schöner sein, als hier den Blick in die Ferne schweifen zu lassen – gemeinsam mit vielen lieben Menschen. Mal schweigend, mal im Gespräch, mal allein, mal in größerer Runde.
Der Park der Villa Mabrouka bietet unzählige Plätze zum Staunen, Träumen und Verweilen. Mit viel Charme angelegt, lädt jede Ecke dazu ein, den Moment zu genießen – und genau das haben wir getan.
Und dann gestern Abend, zum Abschied, noch einmal dieser Sonnenuntergang mit Blick auf das spanische Festland. Ein Mitreisender brachte es auf den Punkt: „Diesen Ausblick werde ich sehr vermissen.“
08. Juni – Der Sprung
Gemeinsam einen Weg zu gehen, bedeutet manchmal auch, den Mut zu haben, ins warme Wasser zu springen.
Der letzte Tag der Feierlichkeiten. Poolparty. Irgendwann gibt einer den Anfang vor, und nach und nach folgen die anderen. Ein Sprung, der sinnbildlich für diese Tage stehen könnte.
Was bleibt von unserer Zeit in Tanger? Freude. Dankbarkeit. Und die Erinnerung an Menschen, die hier zusammengekommen sind, um besondere Momente miteinander zu teilen.
Heute hatten wir die Gelegenheit, uns ausführlich mit dem Fotografenpaar The Ferros auszutauschen, das diese Hochzeit begleitet hat. Ein Gespräch voller Inspiration und Begeisterung für das, was uns verbindet: die Liebe zur Fotografie. Zu Bildern, die weit über die bloße Abbildung eines Augenblicks hinausgehen. Bilder, die Erinnerungen bewahren, Emotionen spürbar machen und Momente in etwas Bleibendes verwandeln.
Diese Leidenschaft mit anderen Menschen zu teilen, die sie auf dieselbe Weise leben und verstehen, ist ein Geschenk. Sie erinnert uns daran, warum wir tun, was wir tun.
Danke, Nicole und Vincenzo aus Mailand.
07. Juni – Die Liebe steckt im Detail
Wie viel Liebe und Sorgfalt sich hinter dieser Ansammlung von Dingen verbirgt, können wir nur erahnen. Die Feierlichkeiten rund um die Hochzeit in Marokko haben uns jedenfalls tief beeindruckt und überwältigt. Selbst an die kleinsten Details wurde gedacht.
Am schönsten aber war, dass wir in den vergangenen Tagen mit so vielen wunderbaren Menschen in engen Kontakt kommen durften. Wir haben außergewöhnliche Herzlichkeit erlebt, und mehr als einmal flossen Tränen der Rührung.
06. Juni – Die Geschichte von Tanger
Heute nahmen wir an einer Stadtführung durch die Altstadt von Tanger teil. Hatten wir die vergangenen Tage bereits für ausgedehnte Spaziergänge durch die engen Gassen genutzt, erhielten wir auf dieser Tour viele spannende Einblicke in die Geschichte und Entwicklung dieser lebendigen Stadt.
Tanger zählt zu den ältesten dauerhaft besiedelten Städten Nordafrikas. Am besten erschließt sie sich zu Fuß – insbesondere in der Kasbah und der angrenzenden Medina. Von den Mauern der Kasbah reicht der Blick über die Straße von Gibraltar bis nach Spanien. Unterhalb breitet sich das über Jahrhunderte gewachsene Labyrinth der Altstadtgassen aus.
Die Kasbah bildet den historischen Kern der Stadt. Nach dem Ende der englischen Herrschaft im Jahr 1684 ließ Sultan Moulay Ismail die Festungsanlagen ausbauen und Tanger wieder stärker in das marokkanische Reich integrieren. Noch heute prägen die mächtigen Mauern, die historischen Tore und der ehemalige Sultanspalast das Bild dieses Viertels.
Direkt darunter erstreckt sich die Medina. Händler, Handwerker und Bewohner haben hier über Generationen hinweg ein dichtes Netz schmaler Gassen entstehen lassen. Plätze wie der Petit Socco waren lange Zeit Treffpunkte für Kaufleute, Reisende und Diplomaten. Durch seine strategische Lage zwischen Atlantik und Mittelmeer entwickelte sich Tanger früh zu einer bedeutenden Handelsstadt mit internationalem Charakter.
Besonders prägend war die Zeit der Internationalen Zone von 1924 bis 1956. Mehrere europäische Staaten und die USA verwalteten die Stadt gemeinsam. In diesen Jahrzehnten wurde Tanger zu einem kosmopolitischen Schmelztiegel, der Künstler, Schriftsteller, Geschäftsleute und Abenteurer aus aller Welt anzog.
Zu den bekanntesten Persönlichkeiten, die hier lebten, gehörte der amerikanische Schriftsteller Paul Bowles. Er kam 1947 nach Tanger und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1999. Mit seinen Romanen und seinem Engagement für die marokkanische Literatur trug er wesentlich dazu bei, Tanger international bekannt zu machen. Zu seinen Gästen und zeitweiligen Weggefährten zählten unter anderem William S. Burroughs, Allen Ginsberg und Jack Kerouac, die ebenfalls von der besonderen Atmosphäre der Stadt angezogen wurden.
Auch heute noch ist diese internationale Vergangenheit spürbar. Tanger verbindet auf einzigartige Weise afrikanische, arabische und europäische Einflüsse und bewahrt dabei seinen ganz eigenen Charakter – lebendig, weltoffen und voller Geschichte.
05. Juni – Ready to take off
Den ganzen Tag über wurde geschminkt, fotografiert, gelacht, diskutiert, entschieden, geräumt und getragen. Unzählige fleißige Hände waren mit den letzten Vorbereitungen für die Hochzeit beschäftigt – und wir mittendrin. Diesmal jedoch nicht als Fotografen, sondern als Gäste.
So hatten wir die Gelegenheit, einem italienischen Fotografenpaar bei der Arbeit zuzusehen, das mit großer Leichtigkeit hinreißend schöne Bilder entstehen ließ. Dabei wurde uns einmal mehr bewusst, wie anspruchsvoll wir die Hochzeitsfotografie früher erlebt haben: Stets galt es, aufmerksam zu bleiben, um keinen bedeutenden Augenblick zu verpassen.
Nicht weniger beeindruckend war die Arbeit der beiden Haar- und Make-up-Stylistinnen, deren Einsatz bereits um acht Uhr morgens begann und erst kurz nach 17 Uhr endete. Eine ebenso intensive wie konzentrierte Tätigkeit.
Je länger wir die vielen Abläufe hinter den Kulissen beobachteten, desto spannender erschien uns die Idee, einmal eine Reportage über all jene Menschen zu machen, die zum Gelingen einer Feier beitragen und doch meist unsichtbar bleiben.
04. Juni – Unterwegs in der Altstadt
Unterwegs in der Altstadt von Tanger. Wir fühlten uns an die engen Gassen von Palermo erinnert – an dieses unentwirrbare Labyrinth aus verwinkelten Treppen, schmalsten Stiegen und unzähligen Geschäften, an den Singsang von Tausenden Stimmen, vermischt mit Musik und dem Motorenlärm der Mopeds, die sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnen.
An dieses geschäftige Treiben, das erst spät am Abend zur Ruhe kommt – wenn überhaupt –, nur um bereits wenige Stunden später wieder die Rollläden hochzuziehen. An den Beweis, dass auch ein Leben ohne die deutsche Norm aus rechten Winkeln, Gebots- und Verbotsschildern sowie Warnhinweisen aller Art möglich ist.
Und dazu der Autoverkehr, der sich auf den oft engen Straßen Tangers seinen Weg bahnt. Zum Glück scheint hier niemand auf sein Recht zu pochen und trotzdem weiterzufahren, anstatt einmal für fünf Sekunden anzuhalten, um einen anderen Verkehrsteilnehmer vorzulassen. Einfach tröstlich, dass es auch so funktioniert.
03. Juni – Fußball-Weltmeisterschaft 2030
Die übernächste Fußball-Weltmeisterschaft wird länderübergreifend in Spanien, Portugal und Marokko ausgetragen. Das Stadtbild von Tanger ist von unzähligen frei lebenden Katzen geprägt. Im Hinblick auf das bevorstehende Großereignis sollen diese jedoch vollständig aus dem Stadtbild verschwinden. Was das konkret bedeutet, lässt sich nur erahnen.
Warum die vielen Katzen als störend empfunden werden und weshalb man sich zu einer solchen Maßnahme entschlossen hat, können wir nicht nachvollziehen. „Leben und leben lassen“ erscheint uns die richtige Einstellung. Marokko bietet schließlich auch so eine vielfältige und interessante Lebensweise, die wir in den nächsten Tagen noch weiter entdecken werden.
Und natürlich weckte (nicht nur) diese Katze sofort Mareikes Retter–Instinkt. Doch Kendo und Greta würden zuhause sicher ihr Veto einlegen.
02. Juni – Tanger
Tanger, die Stadt an der Straße von Gibraltar. Kaum drei Flugstunden von London entfernt, empfängt uns der Flughafen mit beschaulicher Freundlichkeit – und wirkt im Vergleich zu Heathrow und Gatwick beinahe winzig. Über eine Rolltreppe gelangen wir ins Freie, gehen kaum hundert Meter zu Fuß und versammeln uns an einem der zwei Gepäckbänder. Schon hier ist der Blick aufs Meer, begleitet von der frischen Brise des Seewindes, ein Geschenk.
Unser Aufenthalt in der Villa Mabrouka, hoch über dem Hafen von Tanger gelegen, ist ein besonderes Erlebnis. Die Villa mit ihrer einzigartigen Parkanlage bildet eine gewachsene Symbiose aus Natur, lässiger Eleganz und zeitloser Schönheit. Ein Ort von betörendem Charme.
01. Juni – Die Kamera als Retter
Um 4 Uhr klingelte für Mareike der Wecker. Aufstehen, anziehen – und schon ging es los zur Kosmetik. Dort wurden neben ihr die Brautmutter, die Tante und natürlich die Braut selbst geschminkt, frisiert und für den großen Moment herausgeputzt: Kleider wurden angezogen, Schmuck angelegt, letzte Handgriffe erledigt.
Christians Sohn hatte es als Bräutigam deutlich entspannter: Sein Wecker klingelte erst gegen halb sieben. Als schließlich alle bereit waren, machten sie sich mit mehreren Taxen auf den Weg zum Standesamt. Dort gaben sich die beiden in festlichem Rahmen das Jawort.
Christian hatte zum Glück seine Kamera vor dem Auge. Andernfalls wären wohl einige Tränen geflossen. So aber konnte er sich ganz auf seine Aufgabe konzentrieren und dem Brautpaar den Wunsch erfüllen, die standesamtliche Trauung fotografisch festzuhalten.
31. Mai – Ernüchterung
Staunen und Träumen – das sind die Empfindungen, die uns bei diesem Anblick sofort in den Sinn kommen. Wenn es dunkel ist und die Szene zugleich vom warmen Licht einer Straßenlaterne erhellt wird, entsteht eine besondere Behaglichkeit. Genau so fühlen wir uns an diesem Ort.
Heute sind wir aus familiären Gründen nach London gereist, in Heathrow gelandet und anschließend mit der Bahn zur Paddington Station gefahren. Dort empfing uns ein derart gewaltiger Lärmpegel, dass uns unwillkürlich der Gedanke kam: Gesund kann das Leben in einer Großstadt kaum sein.